Mai - Juni 2007

Aufzeichnungen über die Fortschritte von Nicole im Gerhard Tersteegen Haus

Nicole hat ein Einzelzimmer im Gerhard Tersteegen Haus. Zu Beginn ihres Aufenthaltes hat sie ausschließlich Personen und Gegenstände fixiert. Insbesondere Personen, die ihr Zimmer betreten, werden von ihr beobachtet und mit Blicken verfolgt. Nach wenigen Tagen kam das Drehen des Kopfes von rechts nach links und von oben nach unten hinzu. Dadurch ist sie in der Lage, den Stimmen der Personen z. B. während einer Unterhaltung zu folgen.

Ihr Zimmer wurde mit Bildern und Stoffen aus ihrer häuslichen Umgebung dekoriert. Auch dieses hat sie aufmerksam verfolgt. Über ihrem Bett sind einige Gegenstände befestigt, sobald man diese berührt, geht ihr Blick dorthin oder sie dreht den Kopf in diese Richtung.

Mittlerweile reagiert Nicole immer auf ihren Namen. Bei Ansprache wendet sie sich der Person zu, die ihren Namen ausgesprochen hat. Sie ist zudem auch sehr geräuscheempfindlich. Nimmt sie ein Geräusch wahr, dreht sie ihren Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kommt.

Als sie ins Gerhard Tersteegen Haus kam, konnte sie, wenn sie im Rollstuhl saß, den Kopf nicht halten, sondern ließ ihr Kinn auf die Brust fallen. Mittlerweile hält sie den Kopf aufrecht; es ist deutlich zu erkennen, dass sie ihre Umwelt und das Geschehen um sie herum aufmerksam verfolgt.

Ablehnung zeigt sie eindeutig durch heftiges Kopfschütteln. Auch auf Berührungen, die ihr unangenehm sind, reagiert sie mit dem Wegdrehen des Kopfes.

Seit einigen Wochen reagiert sie sehr deutlich auf unterschiedliche Gerüche. Da sie früher gerne Kaffee getrunken hat, reagiert sie auf Kaffeeduft mit einem freundlichen und entspannten Gesichtsausdruck. Bei Düften, die ihr nicht angenehm sind, rümpft sie die Nase oder verzieht das Gesicht.

Gegenstände, die man ihr reicht, kann sie mit der linken Hand problemlos halten. Auf Aufforderung nimmt sie sich einen Gegenstand selber und gibt ihn auch wieder zurück. Angefangen hatte es mit einer Tücherbox. Habe ich Nicole aufgefordert, ein Tuch herauszunehmen, hat sie es gemacht. Wenn ich sie gebeten habe, mir das Tuch zurückzugeben, hat sie auch dies gemacht. Mittlerweile brauche ich nur die Tücherbox hinzuhalten und sie nimmt sich ohne Aufforderung ein Tuch heraus. Selbst filigranes Greifen ist mit der linken Hand kein Problem für sie, z. B. Geldstücke oder Steine vom Dame-Spielbrett.
Seit ein paar Wochen ist sie sogar in der Lage, sich mit dem Tuch selber über den Mund zu wischen. An ihren Reaktionen merke ich, dass sie es lieber selber macht, als dass jemand anderes dies für sie übernimmt. Auch ihre Nase putzt sie sich selber. Die Motorik des linken Armes ist um ein vielfaches besser geworden.

Nicole gibt auch Hilfestellung beim Anziehen. Wenn ich ihr z. B. ein frisches T-Shirt anziehe versteht sie genau, auf Ansage mitzuhelfen, was bei der Aufnahme im Gerhard Tersteegen Haus überhaupt nicht der Fall war.
Sie versucht immer mehr, selbständig zu handeln. Ich habe den Eindruck, dass es ihr unangenehm ist, wenn ich ihr viele einfache Dinge abnehme. Ihre Brille hält man ihr nur hin und sie nimmt sie in die linke Hand und setzt sie sich selber auf. Sitzt die Brille nicht richtig, weiß sie, dass sie den Sitz der Brille am Nasensteg korrigieren kann.

Seit einigen Wochen führe ich eine zeitliche Chronik über das Schließen der Trachealkanüle. Über viele Stunden ist dies mittlerweile möglich. Der Schluckreflex ist eindeutig vorhanden. Eine ganz große Hürde war bisher die Mundpflege, aber auch diese ist seit ein paar Tagen möglich. Allerdings ist hier festzustellen, dass Nicole die Mundpflege nur von bestimmten Personen durchführen lässt. Auch auf musikalische Reize reagiert Nicole sehr positiv. Die bei ihr angewandte Tomatis-Therapie hat sie sehr gut mitgemacht. Nicole zeigt und äußert durch ihre Gesichtsmimik bewusste und stimmungsabhängige Reaktionen, obwohl sie noch nicht sprechen kann.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Nicole am „normalen Leben“ teilnehmen möchte und ihr lediglich der Impuls fehlt, um das voll verwirklichen zu können.

Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung binden. (Epiktet)